Diary of Boredom I

Logbuch:

Location: Craula / Hainich / Thüringen
Koordinaten: 51° 4′ N, 10° 30′ O
Zeit: 06.12. – 09.12.2010
Crew: 29 Jugendliche, ich und zwei Begleiter

1. Tag:

Pünktlich zur Mittagszeit kommen wir am Montag im verschneiten Craula an. Craula besteht aus ein paar Häusern, zwei Zigarettenautomaten, einem Kriegerdenkmal… und sogar einen Löschteich gibt es.

Menschen sehe ich nicht, nur Hunde bellen hinter den Toren der Gehöfte. Freundlich werden wir von der Leiterin der Herberge begrüßt und nach einer kurzen Einweisung geht sie wieder nach Hause. An der Tür hängt ein Zettel auf dem ihre Adresse steht – sollte es noch Fragen geben.

Die Herberge besticht durch schlichte Einrichtung. Es gibt zwei größere Aufenthaltsräume mit Fernsehern. Die Spiele, die zahlreich in den Schränken liegen, sind unvollständig und runden so die trostlose Atmosphäre der Räume ab. Die Ausstattung wirkt wie seit den 90ern stückweise zusammengewürfelt, hier passt einfach nichts zusammen. Ich habe den Verdacht, man wollte so etwas wie ein Landhaus kopieren, denn alles scheint hier aus Holz zu bestehen.

Sogar die Wände sind mit Holzimitaten verkleidet und beeindrucken durch absolute Hässlichkeit, passen sie doch farblich so gar nicht zum Rest der ebenso billigen Ausstattung. Wo die Wände nicht mit aufgeklebtem „Holz“ zugepappt sind, ist ein freundliches Grün die Hauptfarbe.
Dieses Grün und der Laminatboden rufen längst verblasste Erinnerungen an DDR-Ferienheime hervor. Überhaupt scheint es in der ganzen Zone nur DIESES eine Grün gegeben zu haben, der Trabi den wir mal hatten sah zumindest genauso aus.

17:45 Uhr finden wir uns uns im Gemeinschaftsraum ein und lauschen einem Vortrag zum „Nationalpark Hainich“. Die Referentin hat „Umweltpädagogik“ irgendwo bei Rostock studiert. Sie klingt auch etwas wie „die“ aus dem Norden und „natürlich“ ist ihr Lieblingswort. Der Hainich sei so natürlich seit ihn die Rote Armee verlassen hat. Immer wieder redet dann auch vom Urwald und betont, dass nur noch in 10% der Fläche eingriffen wird, der Rest regele sich ganz natürlich. Am nächsten Tag sollen wir erfahren, dass zu dieser natürlichen Regulierung auch Jäger gehören, die im Winter auf Wildjagd gehen.
Danach gibt es standesgemäßes Abendbrot: Stulle und Wurst. Ich laufe noch eine Runde durch das Dorf, lese die Namen auf dem Kriegerdenkmal durch und stelle fest: Tradition verbindet. Fielen die Väter schon im 1. WK., so folgten ihnen die Söhne auf dem Schritt im 2. WK. – gut zu wissen.

An einer verschneiten Bushaltestelle an der zweimal am Tag ein Bus hält, pausiere ich und erinnere mich wie ich in meinem Heimatdorf an eben einer solchen Haltestelle Teile meiner Jugend verbrachte. Jugend scheint es hier aber nicht zu geben oder aber sie haben Autos und konnten fliehen. Gemütlich schlendert ein alter Herr an mir vorbei, schaut mich an sagt mit freundlicher Opastimme: „Hier fährt aber heute nichts mehr!“. Kurz halte ich mit ihm Smalltalk. Der Inhalt lässt sich mit: „Früher war alles besser“ zusammenfassen. Wir sind uns einig, alles ist gesagt, er verschwindet im Schnee.

Auch ich laufe zurück durch das Dorf und werde etwas nachdenklich. Gerne würde ich ein Haus betreten und fragen wie man hier nur leben kann. Ich glaube aber die Häuser sind nur Attrappen, vielleicht ein Atombombentestgebiet?! Die Dorfstraße (der einzig geräumte Weg) führt mich zurück in mein 6-Personenzimmer. Ich klettere in das klapprige Hochbett, bewundere die unfassbar geschmacklose Blümchentapete (wieder DIESES Grün!) und schlafe ein.

Dieser Beitrag wurde unter Diary of boredom, Meine kleine Zonenwelt abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.